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Vortrag Prof. Dr. Franz Ruppert

Im Mai 2010 lud der Aufwind e.V. Prof. Dr. Franz Ruppert aus München zu einem Vortrag in die Fachhochschule ein. Ca. 130 Besucher folgten der Einladung und füllten den Hörsaal.

Wenn Menschen psychisch krank werden bzw. immer mehr unter Ängsten, Realitätsverlust, Neurosen, Manien, Depressionen etc. leiden, suchen sie und natürlich auch oft ihre Angehörigen nach Mitteln, diese Leiden zu heilen oder zu lindern.

Es gibt Therapieansätze, die auf verschiedenen Annahmen basieren, warum die Leiden überhaupt ausgebrochen sind. Zunächst kann man jede psychische Störung unter biologischer Perspektive sehen, hier erfolgt die Therapie mit Medikamenten. Genauso gut es ist möglich, die psychischen Phänomene aus der aktuellen lebensgeschichtlichen Richtung zu betrachten, z.B. Ehekrisen/Scheidung, Konflikte im Beruf, Arbeitslosigkeit. In diesen Fällen können Gesprächstherapien oder Verhaltungstherapien helfen. Auch diese Sichtweise ist möglich: verdrängte Konflikte aus der Vergangenheit, Kindheits- oder andere Traumata werden als Ursache für späteres Leid gesehen. Dort greift eventuell eine Psychoanalyse.

Die Therapieansätze und Sichtweisen, die beispielhaft genannt wurden, sind für das jeweilige Einzelschicksal mehr oder weniger hilfreich. Dem einem Menschen hilft die Psychoanalyse, der andere findet nach einem Therapiemarathon endlich Linderung, nachdem er letztendlich doch Medikamente einnimmt, die er vorher abgelehnt hatte.

Jede dieser Sichtweisen und die ihr entsprechende Behandlungsmethode hat eine gewisse Berechtigung. Wenn diese Sichtweisen jedoch behaupten würden, damit alles und für immer über den Menschen zu sagen oder zu wissen, wären sie nicht mehr ernstzunehmen. Deshalb ist es wichtig, auch noch andere Ansätze zu kennen, die in der heutigen Zeit einer breiteren öffentlichen Diskussion zugänglich gemacht werden und trotzdem von der Schulpsychiatrie immer noch als exotisch bezeichnet werden. Ein Ansatz davon ist die Vorstellung, dass jeder Mensch nicht nur ein genetisch vorgeprägtes Individuum ist, sondern ein soziales Wesen, das aus einer Gemeinschaft von Menschen - Eltern, Geschwister, Großeltern - stammt. Jeder weiß, dass Beziehungen sehr beglückend, aber auch sehr belastend und traumatisierend sein können.

Dr. Franz Ruppert sieht die Ursachen für seelische Erkrankungen in der generationsübergreifenden Verstrickung innerhalb einer Familie. Er arbeitet in seiner Praxis u.a. mit der Methode der Aufstellung. Aufstellungen können eine Hilfe sein, die Traumata der Vergangenheit in den Blick zu bringen und ihre weitreichenden Folgen anzuerkennen. So ergibt sich die Möglichkeit, aus dem Leid der Vergangenheit herauszuwachsen und mit der traumatischen Vergangenheit in der Familie, vielleicht sogar in der Gesellschaft in einem guten Sinne seelisch abzuschließen. Das ist oft ein langer und mühevoller Weg, aber einer, der sich in diesem Zusammenhang zu gehen lohnt.

So bizarr und schwer verständlich die Verhaltens- und Erlebensweisen z.B. von psychotisch gewordenen Menschen sein mögen, sie haben einen Sinn und einen wahren Kern. Man kann diesen Sinn verstehen, wenn man die Verschiebung des Geschehens in Raum und Zeit durchschaut. Das nichterlöste traumatische Geschehen, in das die Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern verwickelt waren, die seelischen Konflikte, die nicht zur Ruhe gekommen sind und noch keinen Frieden gefunden haben, sie inszenieren sich erneut in verwirrtem Fühlen, Denken und Sprechen eines Kindes in der Familie, in seinen Persönlichkeitsaufspaltungen, auch in seinen Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Nach Prof. Rupperts Erfahrungen wachsen psychische Erkrankungen auf der Basis eines „Symbiosetraumas“.

Prof. Dr. Franz Ruppert arbeitet seit 15 Jahren mit der Aufstellungsmethode und vertritt die Ansicht, dass diese ein hervorragendes Mittel ist, um seelische Traumatisierungen in einem Familiensystem über mehrere Generationen hinweg nachzuvollziehen und gute Lösungen aus seelischen Verstrickungen zu entwickeln. Für das bessere Verständnis von schweren psychischen Erkrankungen (z.B. von Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenien und Psychosen) hält er sie für einen effektiven Erkenntniszugang und gleichzeitig für eine wirkungsvolle Methode, neue Wege in der Psycho- und Traumatherapie zu entwickeln.

Die psychotherapeutische Arbeit von Prof. Dr. Franz Ruppert und insbesondere die Anwendung der Aufstellungsmethode bei dieser Arbeit haben ihm geholfen, ein tieferes Verständnis für die Zusammenhänge der Erlebnis-, Denk- und Verhaltensmuster von psychisch erkrankten Menschen zu gewinnen, in das er in seinem Vortrag in Hof einen Einblick gegeben hatte.

 Dr. Franz Ruppert (geb. 1957) ist Professor für Psychologie an der Kath. Stiftungsfachhochschule München und psychologischer Psychotherapeut.



Publikationen:
„Verwirrte Seelen – der verborgene Sinn von Psychosen. Grundlagen einer systemischen Psychotraumatologie (Kösel Verlag) (2002)

„Trauma, Bindung und Familienstellen. Seelische Verletzungen verstehen und heilen (Klett-Cotta Verlag) (2005)

„Seelische Spaltung und innere Heilung. Traumatische Erfahrungen integrieren (Klett-Cotta Verlag) (2007)

„Symbiose und Autonomie. Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen (Klett-Cotta Verlag, erscheint im Herbst 2010)

Fotos: W. Popp


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